Wüstentage im Steinernen Meer Berchtesgadener Alpen

Veröffentlicht: Mai 4, 2016 in Uncategorized

In den Berchtesgadener Alpen zwischen Königssee und Mühlbach bestimmen endlose Weite, Dünenberge aus Kalkgestein und markige Felsen den Landschaftcharakter. Ein Wüstentrip der alpinen Art.

Steinernen Meer01Mit zwanzig war ich das erste Mal in der Wüste. Dünen, Sternhimmel, der Wiegeschritt der Kamele, Sand zwischen den Zähnen. Das Beste aber: 30 Kubikmeter braunes Badewasser in einem Pool bei einer längst verlassenen Oase. Ein Pool in der Wüste! Das war natürlich etwas Besonderes, er wird mir immer im Gedächtnis bleiben.
Wennich mich heute zurücksehne nach den Wüstentagen, dann fliege ich nicht in einen anderen Kontinent, dann heißt das Ziel Maria Alm. Statt der sanften, bewimperten Kamelaugen schaut man in die gutmütigen Gesichter der Pinzgauer Kühe, aber klaren Sternhimmel und riesige Dünnlandschaften gibt es auch hier. Die Dünen sind aus Stein, mehr grau als ockerfarben. Doch die Weite des Steinernen Meeres fühlt sich kein bisschen anders an als die end-losen Sandflächen der Wüste Thar. Und hier und da wartet das Besondere, das für immer in Erinnerung bleibt, gerade so wie ein Basin mit Wüstenwasser.
STÜTZPUNKT RIEMANNHAUS
Stützpunkt für die nächsten Tage im Steinernen Meer ist das Riemannhaus, das wie ein Adlerhorst unter den Felsab-brüchen des Sommersteins klebt. Von Maria Alm kann man auf einer holprigen Forststraße bis auf über 1100 Meter ins Naturschutzgebiet Salzburger Kalkal-pen hinauffahren, das sich nach Norden im deutschen Nationalpark Berchtesgaden fortsetzt. Dann steigt man über die große Schuttreißen „Sandten“ auf.
Der Weg schlängelt sich durch die Schrofenschluchten aufwärts, nie schwierig, aber teils ordentlich ausgesetzt. Drei Stunden trennen die bäuerliche Idylle von Maria Alm mit seinen üppigen Gärten und den wohl genährten Kühen vom Rand der Steinwüste. „Steinernes Meer“ – kein Name könnte passender sein für den größten Gebirgsstock der Berchtesgadener Alpen. Eine Handvoll Aussichtsberge zur Rechten und Linken des Riemannhauses erlauben eine noch bessere Übersicht über das karstige Hochplateau als das Alpenvereinshaus selbst. Das Breithorn, 2504 m, stellt bezüglich Einfachheit und Kürze den besten Kompromiss dar: Gute 300 Höhenmeter vom Riemannhaus aus auf einem markiertem Weg sind bequem machbar und werden von vielen Berg-steigern sogar als Tagestour vom Tal aus anvisiert beschriftungen vorarlberg
„Und die Pyramide heißt Schönfeldspitze, sie liegt schon in Österreich, jenseits des Steinren Meeres. Man erreicht sie in zehn bis elf Stunden“, betet tagtäglich sogar der Bootsbegleiter den Gästen bei der Fahrt über den Königssee vor. Die Schönfeldspitze ist damit neben dem Watzmann der einzige Berg, der während der viertelstündigen Erklärung einen Namen erhält. Kein Wunder, sie ist einer der bekanntesten Gipfel der Berchtesgadener Alpen. Obwohl man sie vom Berchtesgadener Talkessel aus bereits sieht – und erst recht vom Königssee – wird sie üblicherweise vom Riemannhaus bestiegen. Ihre 2653 Meter haben sie mittlerweile zum höchsten Gipfel des Steinernen Meeres gemacht, früher hatte diesen Status fälschlicherweise das Selbhorn inne.
Steht man nach dem ausgesetzten, teils versicherten Steig auf d m Gipfel, könnte der Kontrast kaum deutlicher sein. Unter uns die grünen Pinzgauer Täler, ganz im Süden gleißen die Gletscherflächen der Tauerngipfel. Das Bild der Berge, wie man es kennt. Die Nordhälfte unseres Blickfeldes jedoch wird von den grauen „Dünen“ des Steinernen Meers beherrscht, eine wilde, scheinbar abweisende Felslandschaft.
Steinernen Meer02WO DER KILOMETER LÄNGER IST
Hochbrunnsulzen, 2358 Meter. Längst ist das Stimmengewirr vom Gipfel der Schönfeldspitze verklungen. Schon den Ostgrat hinab sind wir nur noch zwei Bergsteigern begegnet, die von Maria Alm über die Buchauer Scharte aufge-stiegen sind. Die letzte halbe Stunde am Südrand des Steinernen Meers entlang war nichts mehr zu sehen und zu hören, nicht einmal eine Dohle, die auf der Su-che nach einer vollen Jausenbox über die Gipfel saust.
Ausgesetzt fühlt man sich im Stei-nernen Meer. Nicht physisch, aber psychisch. Tausend Felsrippen, Karstgassen, Geröllfelder, tausend kleine und große Erhebungen. Dünnberge aus Kalkgestein und eingelagerte Täler in einem steinernen Ozean. Markierte Steige durchziehen die Weite, aber immer sind sie viel länger als man meint. Zwei Kilo-meter Steinernes Meer haben eine andere Qualität als zwei Kilometer Karwendel, Zillertal oder Tauern. Solche zwei Kilometer trennen uns vom Tagesziel, dem Biwak unterm Wildalmkirchl. Die Schatten werden schon lang, die Wärme des Sommertags ist bereits der Kühle des Gebirgsabends gewichen, als hinter einer Kante endlich der Bau der Biwak-schachtel sichtbar wird. Erleichtert steige ich die letzten Minuten hinauf, schimpfe mich in Gedanken ein arges Hascherl, dass mich das bisschen Fels ringsum so eingeschüchtert hat.
„Richtig Muffensausen hab i ghabt und scho dacht, mir kemman gar nim-mer an“, erzählt im Lauf des Abends einer der drei Männer, die mit uns auf der schönen Biwakschachtel unterge-kommen sind. Bei Kerzenschein, Käs-brot und Zweigelt ist die Atmosphäre längst heiter-beschwingt. Draußen fun-keln die Sterne, so schön wie in der weitesten Wüste.
Auch am nächsten Morgen zeigt sich die Bergwelt vom Aussichtsgipfel Brand-horn aus von ihrer schönsten Seite. Betö-rende Fernblicke, beeindruckend der nahe Hochkönig und im zarten Morgenlicht das Wildalmkirchl. So gleichförmig der Südteil der Berchtesgadener Berge manchmal wirkt, so sehr brennen sich einzelne Bilder ein, die Badepools des Steinernen Meeres sozusagen. Die leuch-tend rötliche Felskante des Wildalmkirchl gegen die schattigen Flanken, drei kleine gelbe Blütenkelche in einer Karstspalte, ein einsamer Eisenhut im Karrenfeld taxi jenbach
ALMERFAHRT
Steinernen Meer03375 Jahre alt wird die Wallfahrt über das Steinerne Meer heuer. Der Heilige Bart-holomäus ist Schutzpatron der Senne-rinnen und Almbahern. Was lag da im Jahr 1635 nach der Pest für die Bauern aus Saalfelden und Maria Alm näher, als nach St. Bartholomä zu pilgern und um Hilfe zu bitten. Der schnellste Weg war damals noch nicht die A10, sondern der Steig unter dem Sommerstein hindurch, über die Geländekante, auf der heute das Riemannhaus steht, über das vegeta-tionsarme Karstplateau, vorbei am Fun-tensee, steil die Saugasse hinab und zum Kirchlein am Königssee. Alljährlich findet diese Almer Wallfahrt am Bartho-lomäustag statt, teils mit über 2000 Be-teiligten. Egal in welche Richtung, ob aus Berchtesgaden herüber nach Maria Alm oder aus dem Pinzgau ins Bayerische, der Weg ist immer ein Erlebnis. Am nächsten Tag machen wir uns vom Riemannhaus aus an den gut zweistündigen Abstieg ins Bayerische. Keiner Menschenseele begegnen wir. Die vegetationsarme Felslandschaft spiegelt uns absolute Lebensfeindlichkeit vor, doch da flattert ein Schmetterling auf eine Distel zu, dort spitzt ein winziger Farn aus einer Kalkkluft. Einmal wischt ein kleines, graues Mäuslein durch den Steinirrgarten. Ab dem Funtensee ändert sich der Charakter des Steinernen Meeres ohnehin. Üppig grün wie im Regenwald kommt es einem vor. Und nach der Brotzeit im Kärlinger Haus denken wir gar ans Schlaraffenland… Damit der Kuchen nicht anschlägt, planen wir sogleich neue Touren.Von den neun Berch-tesgadener Gebirgsstöcken teilen sich Salzburg und Bayern sechs (Untersberg, Göll, Hagengebirge, Steinernes Meer, Hochkalter und Reiteralm), zwei befinden sich ganz auf bayerischem Gebiet (Watzmann und Lattengebirge) und einer steht vollständig in Österreich: der Hochkönig, der höchste Gipfel in den Berchtesgadener Alpen. Ihm gilt unser nächster Besuch.
Wie die Spinne im Netz thront am höchsten Punkt das Matrashaus, erreich-bar von Norden und Osten auf markier-ten Normalwegen, von Westen und Sü-den auf zwei versicherten Steigen und seit 2002 zusätzlich auf einem modernen Klettersteig.
WÜSTENWASSER
1700 Höhenmeter, davon 1000 Höhenmeter Klettersteig in einer Schwierigkeit bis D oder K5, das sind die harten Fakten zum so genannten Königsjodlersteig. Ob man den neuen Klettersteigen nun kritisch oder wohlwollend gegenübersteht, in jedem Fall muss man dem Königsjodler eine logische Linienführung und auf weite Strecke beste Felsqualität zugestehen. Das Landschaftserlebnis ist ohnehin erstklassig. Der Dientner Sattel zwischen Mühlbach und Dienten erlaubt immerhin einen Start auf knapp 1400 Meter. Von hier steigen wir an diesem Tag auf, gehen an der Erichhütte mit ihrer schönen Aussichtsterrasse vorbei und in vielen Serpentinen den Südwesthang hinauf zur Hochscharte. Der Tauernblick wird von Schritt zu Schritt besser, die Umgebung felsiger und die Luft riecht schon fast nach Drahtseil und Felsvergnügen. Mit dem Hinweis „Betreten auf eigene Gefahr“ beginnt der Königsjodlersteig. Die folgenden 1000 Höhenmeter sind wie ein Basin mit Wüstenwasser: etwas Besonders, das man so schnell nicht vergisst. Kleine Gratzacken und Aufschwünge über Fels-wandeln wechseln sich mit Zwischenabstiegen ab, dann kommt auch schon der Flying Fox, einer der Höhepunkte des Steigs. Frei am Drahtseil hängend überqueren wir eine Schlucht, die nachfolgenden ausgesetzten Felspassagen kommen einem dagegen fast wie „fester Boden unter den Füßen“ vor. Es ist doch alles relativ!
Um viele Eindrücke und etliche, lan-ge nicht bemerkte Muskelstränge reicher kommen wir am frühen Nachmittag am Hochköniggipfel an. Weit dehnt sich vor uns die Übergossene Alm aus. Früher be-deckte ein großer Plateaugletscher die Karsthochfläche, heute wirken die Eisreste wie ein Flickenteppich aus Schneefetzen. Am liebsten würde ich nun eine Nacht heroben am Haus bleiben, den Sternhimmel genießen und morgen erst absteigen, um die „Karstwüste“ zur Ostpreußenhütte hinab zu durchqueren. Tatsächlich aber machen wir uns an den  ebenso eindrucksvollen Abstieg nach Osten. Bis zum Schöberschartl geht auch dieser Weg im Auf und Ab über den einstigen Gletschergrund, also dort, wo noch vor einigen Jahrzehnten das „ewige“ Eis lag. „Stand!“, tönt es durchs Kar.
Drüben an der Torsäule klettert eine Seilschaft eben die letzte Seillänge zum Gipfel, während wir auf dem Weg zügig talwärts steigen. Bald werden wir die Mitterfeldalm erreicht haben, dann kön-nen wir bequem auf einer Almstraße hinunterwandern zum Arthurhaus. Dabei werden wir sicher schon wieder Pläne schmieden für die nächsten Tage. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Hohe Göll. Er liegt exakt im Norden des Hochkönigs und ist der höchste Gipfel des Göllstocks. Wie schon die Gipfelziele um das Riemannhaus und die Aufstiege  zum Hochkönig kommt auch am Göll der Bergsteiger, der ab und an die Hände zu Hilfe nehmen will, auf seine Kosten. Mein Favorit ist jedenfalls der Aufstieg vom Kehlstein über den Mannlgrat, aber ich werde zum Salzburger Steig über das Purtschellerhaus nicht „nein“ sagen. Es steht mit einem Fuß auf der bayerischen Seite, ähnlich wie der Gipfel, den sich Bayern und Salzburg teilen. Wenn dann das Wetter noch hält, ist Zeit für den Schneibstein.
Ebenfalls Grenzgipfel lässt er sich von Königssee und von Golling angehen. Wenn dann noch Zeit ist und das Wetter hält… Ich weiß schon, weshalb mich die Berge zwischen Mühlbach und Königs-see an die Wüste erinnern: Endlose Weite und hinter jeder „Düne“ tauchen tausend neue auf.

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